Wer spielt mit? | Gamification im Gemeinwesen

2020 exploring the future

Beitrag von Peter Kühnberger vom 19.11.2012 für die Blogparade "Gamification: Bildung, Arbeit, Leben. Ein Spiel!" aus der Veranstaltungsreihe twenty.twenty

Gleich auf zwei Kontinenten kann man dieser Tage den regemäßig wiederkehrenden Showdown von Budgetverhandlungen miterleben. PolitikerInnen in Europa und den USA ringen dieser Tage um den Finanzhaushalt. Geht es eigentlich um den politischen Interessensausgleich, als SteuerzahlerIn und MedienkonsumentIn kann man sich oft nicht des Eindrucks verwehren, dass es sich vielmehr um ein von den EntscheidungsträgerInnen gut einstudiertes Spiel oder gar Ritual handelt.

Werner Reiter stellt in seinem Blogbeitrag die Frage, "ob man mit Politik spielen darf?" Ich möchte weiter gehen und sehe etliche Bereiche im Gemeinwesen auf Grund von komplexen Zusammenhängen nur mehr in Simulationen und mit spielerischem Zugang bewältigbar. So ist es kein Zufall, dass die Verwaltungsakademie von North Carolina ein "Budget Game" entwickelt hat. US-amerikanische KommunalpolitikerInnen, BeamtInnen und Interessensgruppen sollen so Auswirkungen ihrer Budgetentscheidungen wie auch die Komplexität des Budgeterstellungsablaufs besser nachvollziehen können.

Aber nicht nur Brettspiele, auch Online ermöglichen Games das Eintauchen in die Rolle von PolitikerInnen. Etwa als Gouverneur des US-Bundesstaats Marryland, der in etlichen Politikfeldern zwischen vorgegebenen Optionen wählen kann, um wieder ein ausgeglichenes Budget zu erstellen. Und damit das nicht zu einfach wird, melden sich laufend Interessensgruppen, die ihre Un/Zufriedenheit mit den soeben getroffenen Maßnahmen darlegen und auf negative Auswirkungen auf die eigenen politische Karriere hinweisen.

Zurück nach Europa und dem Gestaltungsbereich der Stadtplanung und -entwicklung. Während ArchitektInnen immer schon Lösungen für einzelne Bauwerke gesucht haben, widmet sich nun Urban Design der Entwicklung größerer Stadtgebiete inklusive der öffentlichen Infrastruktur. Das Entwerfen von Plänen und Modellen, wie auch der spielerische Umgang mit Lösungsskizzen und -szenarien kamen bei ArchitektInnen und StadtplanerInnen schon immer zum Einsatz.

Auch in Beteiligungsverfahren zur Stadtentwicklung haben sich "gamifizierte" Methoden vielfach bewährt. ?£ber einen spielerischen und experimentellen Zugang wie Modellbauworkshops, Planning for Real, Online-Ideenplattformen, ein Forum-Theater oder auch über die temporäre Aneignung von Flächen, werden neue Perspektiven gewonnen. Weitere beliebte Methoden sind das  Frühstück im öffentlichen Raum, Stadtspaziergänge, Bauaktionen mit Ausstecken von Bereichen oder Kunstaktionen vor Ort. Erst so gelingt es über viele Jahre erlebte und "betonierte" Sichtweisen zu verlassen und neue Positionen einzunehmen.

Die Erfahrungen mit spielerischen Ansätzen in Bürgerbeteiligungsverfahren machen deutlich: Wer sich auf diesen Zugang einlässt, gewinnt Erkenntnisse über sich selbst und über Andere. Um spielerisch zu Lernen bedarf es vermutlich nicht einmal eines so tollen Lernspiels wie dem Stadtentwicklungsspiel Town Game, das vermutlich "nur" als Begleitinstrument im Schulunterricht gespielt wird.

Wo findet Lernen also wirklich statt? Ich bin gespannt, in welche Richtung sich Games in Zukunft entwickeln werden. Eine interessante Richtung schlägt derzeit die Google-eigene Softwareschmiede "Niantic Labs" mit ingress ein. Um im Spiel voran zu kommen, ist es notwendig mit dem Smartphone reale Orte wie Bibliotheken und Denkmäler aufzusuchen. Die Augmented Reality App blendet am Handy-Display eine digital veränderte Version der Umgebung ein - die Spielwelt.

Wenn das Spiel wirklich einer der ältesten Wege ist, um Erfahrungen auszutauschen und Interessen zu verhandeln, dann wird dieser jedenfalls nicht so schnell aussterben.